Swissalpine K78 2009 - Urs Brotzer

Urs Brotzer - 45 Jahre - Dipl. Elektro-Ingenieur
Gesamtzeit: 08:42

Bericht:

Danke Katja, du hast es wieder mal geschafft. Dank deinen genialen Trainingsplänen habe ich nach Ironman und Bieler 100km Lauf nun ein weiteres grosses Ziel erreicht. Mein erster Berglauf überhaupt und gleich der König der Bergläufe, der Swissalpine K78 in Davos. In nackten Zahlen ausgedrückt sind das 78,5 km, +/- 2300 Höhenmeter über 2 Pässe mit 2600 m.ü.M. Dass ich dabei eine Zeit erreichte die ich nie für möglich hielt, bestätigt eindrücklich dass ich auch dieses Mal bei Katja in den richtigen Händen war.

Begonnen hat das Abenteuer K78 im kalten Dezember 2008. Zuerst deutete noch nichts auf Berge hin. Flache Läufe, Intervalle, Sprints und zur Abwechslung auch mal etwas Rad auf der Rolle. Bald aber hiess es auch Treppenlauf, bergauf – bergab, welliges Gelände. Oft lag letzten Winter Schnee in Zürich, was das Laufen nicht einfach machte. Aber auch das ist gutes Training und Vorbereitung auf den Berglauf, kann es doch in den Bergen auch im Sommer noch Altschneefelder geben oder sogar auch mal frisch schneien. Im Februar folgten dann auch längere Aufstiege bis zu 400 Höhenmetern die ich auch teilweise auf rutschigem Untergrund absolvieren musste.

Ein Highlight nach der Kälte und dem Schnee war das Trainingslager in Lanzarote Anfang März. Hier ging es 2 Wochen lang zur Sache. Harte, stundenlange Mountainbike-Ausfahrten auf dem groben und steilen Untergrund der Insel wechselten sich ab mit langen Laufeinheiten. Da war ich körperlich wie mental teilweise am Limit, aber ich wusste aus Erfahrung dass ich mich auf Katjas Pläne verlassen kann.

Ende April durfte ich am Zürich Marathon mal so richtig Gas geben. Mit 3:20 erreichte ich zwar nicht ganz meine Bestzeit vom Vorjahr, aber doch immer noch eine sehr gute Zeit verglichen mit meinen Marathons aus der „Vor-Katja-Zeit“.

Die Trainingszeiten und Höhenmeter steigerten sich nun nach und nach. Auch hiess es plötzlich nicht mehr nur „schnell aufwärts“ sondern auch mal „Vollgas bergab“. Meine Beine sollten auch diese Belastung kennen lernen. Der Plan gipfelte dann in den letzten 2 Wochen vor dem Tapering mit total 6000 Höhenmetern und einigen Stunden flache Läufe dazwischen. Da stand ich manchmal am Morgen am Berg und wusste nicht wie ich mit den müden Beinen nun 1500 Höhenmeter überwinden kann. Ich war jeweils erleichtert es doch geschafft zu haben, würde ich doch am Wettkampftag diese Situation sicher auch antreffen.

Eine Woche vor dem Start erreichte eine Kaltfront die Schweiz und brachte Schneefall bis auf unter 2000 Meter! Noch 5 Tage vor dem grossen Tag lag auf den Pässen frischer Schnee. Oje, wie werden wohl die Wege, die ich eine Woche zuvor beim Training noch in gutem Zustand erlebt hatte, dort oben jetzt aussehen? Nach dem ersten Schreck versuchte ich mich mit positiven Gedanken zu motivieren: „Besser es hat jetzt geschneit als nächstes Wochenende, es bleibt noch genug Zeit damit der Schnee wieder schmilzt“.

Freitag, am Tag vor dem Lauf reise ich nach Davos. Die Wetteraussichten künden starke Regenfälle an in der Nacht aber mit Tendenz zur Besserung im Laufe des Samstags. Tatsächlich beginnt es am Freitag Abend wie aus Kübeln zu schütten. Ich mache mir Sorgen um den Zustand der Bergpfade die wir am anderen Tag begehen sollen. Total nervös mache ich in dieser Nacht fast kein Auge zu.

Ironman Hawaii 2009 - Olaf Richters auf der Radstrecke

Tag X, erster Blick nach draussen. Immer noch tiefe dunkle Wolken zwischen den Bergen, aber zum Glück kein Regen mehr. Ich kann nur wenig essen so früh am Morgen und so aufgeregt wie ich bin. Erst als ich im Starterfeld stehe, legt sich die Nervosität.
Startschuss! Nach 8 Monaten harter Arbeit geht es nun endlich los. Auf einer 5 km langen Runde läuft das Feld der etwa 2000 Läuferinnen und Läufer der Kategorien K31, C42 und K78 erst mal durch Davos. Ich bin irgendwo in der Mitte und schon recht zügig unterwegs. Ein Schnitt von 5:10, ist das nicht etwas zu schnell? Meine Beine fühlen sich im Moment nicht wirklich fit an. Nach 20 Minuten das erste Mal meine Freundin und weitere Fans am Strassenrand, das motiviert und weiter laufe ich im langgezogenen Feld aus Davos hinaus das Landwassertal hinunter. Aber was heisst hinunter? Die folgenden 10 km sind ein ewiges auf und ab mit Tendenz zu auf, sind wir doch bei Km 15 auf 1700 m.ü.M, d.h. etwa 200 Meter höher als beim Start in Davos. Es ist bis hier fast unmöglich einen schönen Laufrhythmus zu finden.

Nun geht’s bis Km 25 nur noch abwärts bis auf eine Höhe von 1197 Meter zum Bahnhof Wiesen. Dort stehen wieder meine Fans und ich rufe ihnen zu: „Von mir aus könnte es hier schon fertig sein!“. Doch wofür habe ich denn so lange trainiert? Also weiter mit ein paar Gegensteigungen nach Filisur hinab, Km 30.6, Höhe 1032 m.ü.M. Bis hierher hatte ich mir 3 Stunden vorgenommen. Die Zwischenzeitnahme zeigt 2:49, also schneller unterwegs als geplant. Aber diese Reserve werde ich vielleicht noch brauchen. Ab hier folgt der lange Aufstieg über Bergün und Chants zum höchsten Punkt der Strecke bei der Keschhütte auf 2632 m.ü.M. Nun fallen mir die harten Trainings ein: 1600 Höhenmeter mit müden Beinen, aber klar, das geht doch!

In den steileren Abschnitten auf der Strasse nach Bergün kann ich nicht mehr alles laufen. Da ich mit zügig marschieren aber gar nicht so viel langsamer bin als diejenigen die es noch mit laufen versuchen, beunruhigt mich das nicht. Bergün bei Km 39.2 auf 1365 m.ü.M erreiche ich nach 3:42. Nochmals etwas Zeitreserve herausgeholt, wollte ich doch nach 4 Stunden hier sein. Wieder stehen meine Fans an der Strasse und geben mir eine Jacke, lange Hosen, Stirnband und Handschuhe. Ich will gut ausgerüstet sein für die hohen Pässe, sind doch dort oben Temperaturen nahe der Nullgradgrenze angesagt.

Der Weg führt weiter ins Val Tuors hinein. Zusammen mit den Teilnehmern des K42 die hier kurz vorher auf eine Einlaufrunde gestartet sind, laufe und gehe ich auf der Strasse bis nach Chants bei Km 47.2 und 1822 m.ü.M. Ab Chants wird es dann richtig steil. Die 5.7 km und 800 Höhenmeter lege ich nur gehend zurück. Aber hier läuft eh keiner mehr. Ich komme ganz gut vorwärts und kann immer wieder andere Teilnehmer überholen. Ich merke jetzt so richtig dass sich die vielen Trainingshöhenmeter auszahlen. Schritt für Schritt stemme ich mich zügig aufwärts obwohl ich unten im Tal noch ein wenig gezweifelt hatte. Nach 5:49 komme ich bei der Keschhütte an (Km 52.9). Immer noch unter Plan von 6 Stunden. Ich mache scheinbar noch einen guten Eindruck, denn der Arzt, der hier alle Teilnehmer beobachtet, fragt nur kurz wie es mir geht und lässt mich passieren. Hier bin ich froh um meine Jacke weil der Wind ziemlich kalt über den Pass weht.

Der Weg führt nun erst mal etwa 200 Höhenmeter abwärts. Da bin ich schnell und kann an vielen Mitläufern vorbei ziehen. Leider ist der Weg manchmal zu schmal zum Überholen. Auch der folgende sanfte Aufstieg zum Scalettapass ist meistens so schmal dass nur überholt werden kann wenn ein langsamerer Läufer anhält und die schnelleren passieren lässt. Erst stört mich dass ein wenig, dann aber bin ich auch froh um kurze Gehpausen. Auf dem Scalettapass auf 2606 m.ü.M bei Km 60.1 stehe ich nach genau 7 Stunden.

Jetzt merke ich erstmals dass eine Zielzeit von unter 9 Stunden möglich werden könnte. Es geht nun ja nur noch 18 km abwärts. Zuerst auf 4 km 600 Höhenmeter runter auf einem groben Karrenweg. Dieser ist zum Glück breit genug zum Überholen. Hier lasse ich es so richtig krachen. Ich spüre nichts mehr von müden Beinen und rase den Berg runter. Ich erinnere mich ans Training „Vollgas bergab“ und weiss das meine Beine das aushalten. Ich habe ein totales Hoch und bin ganz konzentriert auf jeden meiner Schritte auf dem groben Untergrund. Weiter unten wird der Weg wieder besser und weniger steil. Die Konzentration lässt etwas nach und schon passiert es: Ich stolpere über einen Stein und kann einen Sturz nicht mehr vermeiden. Ich rolle vornüber und bleibe mit einem Krampf in der Wade liegen. Ausser zwei kleinen Schrammen ist zum Glück nichts weiter passiert. Eine Zuschauerin hilft mir das Bein zu dehnen und schon bald kann ich wieder aufstehen und weiter laufen.

In Dürrboden (Km 64.4, 2007 m.ü.M) warten wieder meine Fans. Ich kann die nicht mehr benötigten Kleidungsstücke abgeben und mache mich auf die letzten 14 km auf denen es immer noch 500 Höhenmeter runter geht. Leider geht es nicht nur runter. Auf einigen kleinen Gegensteigungen und flachen Abschnitten merke ich doch mehr und mehr die vergangenen Kilometer in den Beinen. Doch jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Km 70, nur noch 8 km und noch nicht ganz 8 Stunden vorbei. Ich beginne zu rechnen, was gibt das für eine Zeit? Jetzt kann nichts mehr passieren, ich werde unter 9 Stunden ins Ziel kommen. Besser als ich es mir je erträumt hatte.

Noch 3 km, noch eine giftige Steigung. Egal, kurz hoch marschieren und dann nur noch runter ins Ziel. Man hört schon den Speaker im Stadion. Die letzten 200 Meter, immer dichtere Zuschauerreihen, dann der Einlauf ins Stadion, abklatschen, Hände in die Höhe reissen und über den Zielstrich. 8:42:53 zeigt die Uhr. Wahnsinn, ich habe tatsächlich den K78 geschafft, mein erster Berglauf in dieser tollen Zeit.

Vielen Dank Katja für deine perfekten Trainingspläne. Es war hart und oft musste ich mich überwinden um die langen Einheiten in Angriff zu nehmen. Aber die Freude im Ziel entschädigt für alle Mühen. Ich werde weiter mit dir Trainieren. Das nächste angestrebte Ziel wird vermutlich der Inferno Triathlon im Berner Oberland sein.

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